„Helden, weil ihr Euch einmischt, mitdenkt und etwas verändern wollt“

„und in Deutschland betritt eine neue Partei die politische Bühne. Alles wollen sie anders machen. Mehr Basisdemokratie, mehr Transparenz, mehr Freiheit im Internet.

Im Sommer 2012 kann sich angeblich jeder dritte Deutsche vorstellen, die Piratenpartei zu wählen.“ mit diesem Intro beginnt Niko Apels Doku über die Piratenpartei ‚Auf großer Fahrt‘ aus 2013. Und auch heute noch geht mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich die Doku ansehe.

Erst recht nach den gestrigen Wahlergebnissen. Für mich persönlich ist ja schon seit einigen Monaten klar, dass ich dem nächsten Landtag nicht angehören werden. Dennoch habe ich mich sofort nach der Listenaufstellung entschieden, im Wahlkampf 100% mitzuwirken. Wer mich kennt, weiß, dass ich mit 100% wirklich 100% meine. Die letzten Wochen waren gezeichnet von rund 120 Wochenstunden vollem Einsatz für die Piraten. Ich hab die Koordination der gesamten Öffentlichkeitsarbeit übernommen, hab mit einem kleinen Team Social Media und klassische Presse betreut – nicht nur auf Landesverbandsebene sondern auch in der Fraktion. Zugleich meinen Job als MdL fortgeführt und irgendwie versucht, das alles unter einen Hut zu bringen.

Ich glaube, dass das gut geklappt hat. Wir haben wahnsinnig Steigerungsraten in den Sozialen Netzwerken. Mit jedem Tag mehr im Wahlkampf wurde mir immer klarer, welche Chance wir da in den letzten fünf Jahren verbummelt haben. Und an der Stelle muss das gesagt werden: Hätten wir mal auf den @dave_kay gehört…

Nach diesem ganzen Einsatz ist das Wahlergebnis für mich umso deprimierender. Nein, ich hab nicht wirklich daran geglaubt, dass wir wieder eine Fraktion stellen können. Dafür waren die Rahmenbedingungen zu schlecht. Wir haben nicht auf Angst gesetzt sondern auf die Zukunft. Wir haben als Piraten ein Bild von der Zukunft, eine Vorstellung, die das Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen kann. Die Meinungsforscher aber haben Meinungsmache betrieben, die Presse hatte uns längst abgeschrieben. Unser Kampf dagegen ist nicht mehr angekommen – bei den Menschen, mit denen wir im Kontakt waren dagegen schon. Nicht nur in den Sozialen Netzwerken, auch persönlich vor Ort. Das Feedback war eigentlich immer gleich: „Wieso hört man eigentlich so wenig von Euch“ oder „Eigentlich würde ich euch ja wählen, aber ihr kommt ja eh nicht rein“. Ich bin überzeugt davon, dass wir ein deutlich besseres Ergebnis erzielt hätten, wenn es diese Sperrklausel nicht gäbe.

Aber es sind ja nicht nur die anderen Schuld. Wir haben in der Fraktion eine miese Kommunikationsstrategie über fast fünf Jahre verfolgt. Wir haben nicht ausreichend über unsere Politik mit den Menschen gesprochen. Wir haben auch fraktionsintern nicht alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben, ob das nun Online-Beteiligungsverfahren sind oder eine Transparenz jenseits des Fraktionsstreams. Aber ich glaube, dass wir ein Zeichen in der Politik gesetzt haben. Und ich glaube, dass unsere Themen, die wir nach vorne gestellt haben, wieder en vogue werden. Dann müssen wir da sein, dann werden wir da sein.

Der Part mit den Fehlern wird nun aufzuarbeiten sein. Wir werden uns neu aufstellen müssen. Wir werden schauen müssen, was wir gut gemacht haben und was wir schlecht machen. Wir werden einen harten Weg jenseits der Parteienfinanzierung gehen müssen. Ich bin bereit dazu, diesen Weg zu gehen.

Für mich persönlich waren das wahnsinnige fünf Jahre. Diese Erfahrungen, diese Erlebnisse wird mir niemand nehmen können. Ich bin durch Höhen und Tiefen gegangen, hab einiges falsch gemacht aber auch vieles richtig. Das Feedback, das ich in den letzten Wochen auch von außerhalb der Partei bekommen habe ist großartig. Das Feedback innerhalb der Partei, die mich auf Platz 2 der Landesliste zur Bundestagswahl gewählt hat, ebenfalls.

Ich möchte mich bei unendlich vielen Menschen bedanken für die letzten fünf Jahre, aber speziell auch für die letzten fünf Monate. Jeder von Euch hätte eigentlich einen eigenen Blogbeitrag verdient, aber …

Zuerst natürlich bei @saendralein. Du bist diejenige, die mir immer wieder Mut und Kraft gegeben hat. Du bist diejenige, die letztlich dafür gesorgt hat, dass ich diesen Öffentlichkeitsarbeitsjob übernehme. Du bist diejenige, die mich ermutigt hat, auch wieder für den Bundestag zu kandidieren. Du bist diejenige, die dafür gesorgt hat, dass ich nicht 100 mal hingeworfen habe. Danke 💜💜💜

Ein wichtiger, der wichtigste, Baustein unserer Kampagne war natürlich @monipiratin. Danke, dass du das übernommen hast. Danke, dass ich mich bei dir jederzeit auskotzen konnte, wenn mal wieder was nicht so lief, wie es sollte. Danke, dass du dich gekümmert hast, wenn es irgendwo hakte. Du hast einen großartigen Job gemacht 💜

Dazu gehören auch diejenigen aus dem Kampagnenteam, die sich bis zum Schluss den Arsch aufgerissen haben. Hierbei natürlich auch mein besonderer Dank an Eric und Sebastian für Eure Unterstützung! In dem Zusammenhang sei natürlich die AG ÖA NRW erwähnt. Wenn alle so funktioniert hätte, wie die Öffentlichkeitsarbeit, dann bin ich mir sicher, hätten wir ein anderes Ergebnis eingefahren.

Bei Michele natürlich. Du bist das Chaos pur. Du bist unorganisiert, du weißt nicht, welchen Fuß du vor den anderen setzen musst. Aber du hast einen grandiosen Job gemacht. Du hast zusätzliche Aufgaben beim Design übernommen, weil plötzlich Leute fehlten. Du hast Kritik angenommen, hast sie umgesetzt und hast speziell in den letzten beiden Wochen wahnsinnig starke Interviews und Auftritte gegeben. 💜

Wenn ich an die Fraktion denke, dann denke ich natürlich auch an Kai, der zu einem Freund in diesen Jahren geworden ist. Ich erinnere mich gern an unseren ersten Online-Kontakt und hätte mir damals jemand gesagt, dass dieser Typ der für mich wohl wichtigste in der Fraktion werden wird, hätte ich laut gelacht. Du auch 😉

Und, gegensätzlicher kann’s kaum sein: auch bei toso möchte ich mich bedanken. Du bist ein komplizierter Kerl, aber ich hab dich schätzen gelernt. Das mit dir hat immer viel Spaß gemacht und ich freue mich schon auf künftige Versammlungsleitungen 😉

Meine ReferentInnen in der Fraktion seien hier natürlich auch speziell erwähnt. Ob Andrea, Leonie oder Sebastian. Ihr habt mir immer die Infos gegeben, die ich brauchte. Ihr habt mir immer das Feedback gegeben, dass ich haben wollte – auch wenns mal nicht so positiv war. Und wenn ich schon beim Feedback bin, dann komme ich zu dem, der – und eigentlich ist das irgendwie auch lustig – meine absolute Stütze war: AndRo! Du wirst kein Organisationstalent mehr, aber dennoch haben wir das gemeinsam gemeistert. Danke dir für alles 💜
Wenn ich bei den Mitarbeitenden bin, fallen mir spontan natrürlich die ein, die etwas unkonventioneller an die Sache heran gegangen sind: Steffen, Yaro und einige weitere. Euch hätten wir früher gebraucht oder mehr auf Euch hören sollen!

Beim Bedanken fallen mir aber auch die vielen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landtags, der Ausschüsse und Kommissionen oder auch im Präsidialbüro ein. Ich hab mich wohl gefühlt, gerade auch in meiner Zeit als Vizepräsident des Landtags. Ich wurde bis zu einem gewissen Zeitpunkt sehr gut aufgenommen, respektvoll auf Augenhöhe behandelt. Leider hat sich dieses Blatt gewendet, als ich das System angriff – was ich zurecht tat, aber vielleicht beleuchte ich das an anderer Stelle nochmal.

Einigen Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fraktionen möchte ich ebenfalls danken. Ob Wolfgang Jörg, Marcel Hafke, Björn Kernbein, Josefine Paul, Andrea Asch, Dagmar Hanses, Walter Kern oder Bernhard Tenhumberg: mit Euch hat das richig Spaß gemacht zu arbeiten – auch wenn man politisch sich an die Köppe ging.
Euch, Wolfgang, Marcel und Josefine alles Gute für die kommende Legislatur. Björn, Andrea und Bernhard, die ihr nicht mehr angetreten seid, alles Gute für die Zukunft. Walter und Dagmar, für Euch tut es mir wirklich leid, dass ihr nicht wiedergewählt wurdet. Ihr werdet diesem Landtag fehlen! Und mir, Walter, werden Deine spontanen Zeichnungen fehlen 😉

Ich werde einige vergessen haben, hier extra zu erwähnen. Aber dieser Text ist im Wesentlichen von den letzten Monaten geprägt… ihr wisst, ob ich Euch schätze und wie sehr ich Euch schätze 🙂

Gucken wir aufs Gesamtergebnis: Dass die CDU gewinnt, hätte ich nicht gedacht. Persönlich gratuliert habe ich Armin Laschet schon. In Münster haben sich auch beide CDU-Kandidaten durchsetzen können. Glückwunsch, Simone Wendland. Und Glückwunsch an Stefan Nacke. Bitte nimm viel aus unsere Enquetekommission mit in den Landtag, in die Ausschüsse. Die Zusammenarbeit dort mit Dir war äußerst angenehm!

Aber genug des Danksagens … wir gucken nach vorn. Wir müssen nicht alles auf den Haufen werfen, aber wir müssen gezielt besser werden. Lasst uns da anknüpfen, wo wir jetzt gut sind. Lasst uns alten Scheiß über Bord werfen und vor allem auch: Lasst uns Bremsen innerhalb der Partei lösen, damit die Kiste wieder ins Rollen kommt….


Kommentare

5 Kommentare zu „Helden, weil ihr Euch einmischt, mitdenkt und etwas verändern wollt“

  1. Ja super. Eigentlich ist alles super. Und ALLE sind super. Haben eigentlich einen TOLLEN Job gemacht, ehrlich. Schuld sind hauptsächlich die schlimmen Rahmenbedingungen. Und natürlich die pöse Systempresse, die EINFACH nicht berichtet, wie super bei den Piraten alles läuft und wie super da alle so drauf sind.
    Man kann sich ENTWEDER wünschen, man hätte auf Dave_Kay gehört, ODER man kann diejenigen loben, die all seine (und nicht nur seine) Ansätze in Sachen Öffentlichkeitsarbeit verhindert und hintertrieben haben. Ganz vorn Moni Pieper, die sich von Platz zwei der Landesliste aus dem Wähler dann nicht einmal als Direktkandidatin gestellt hat. Aber beides geht nicht, denn das ist ein diametraler Widerspruch.
    Wenn dieses fünf Jahre währende Zugunglück in Zeitlupe eins (aufs Neue!) bewiesen hat, dann dies: dass man ein krankes System nicht verändern kann, indem man sich daran anpasst.
    Das hätte man natürlich auch vorher schon wissen können. Dazu hat es kein Piraten-Experiment gebraucht, das war von vornherein klar.
    Zum Anpassen wurden die Piraten nicht gewählt, aber genau das habt ihr von der Fraktion trotzdem im Großen und Ganzen ständig betrieben, höchstens hier und da akzentuiert vom einen oder anderen folgenlosen Stürmchen im Wasserglas. Und deswegen ist das unnötige Experiment jetzt vorbei. In der Situation wirkt dieses „Weiter so, alles war super und wir haben einen tollen Job gemacht“ nicht zielführend, jedenfalls nicht soweit es um die elementaren Piraten-Ziele von mehr Transparenz und Beteiligung geht.

    • rwolupo schrieb am

      Hallo Radbert, ich hab dir ja schon auf Twitter geantwortet. Es gab damals diverse Vorschläge, an denen ja auch du beteiligt warst. Die Fraktion hat entschieden, diese Anregungen nicht anzunehmen. Ich gehörte zu denen, die das unterstützt haben, die einen anderen Weg gehen wollt. Kai war da noch viel aggressiver: er wollte auf den klassischen PM-Weg ganz verzichten und über Social Media eine Gegenöffentlichkeit schaffen. Heute glaube ich, dass das machbar gewesen wäre. Haben wir aber nicht gemacht.
      Was mir wichtig ist: wir müssen schauen, was wir aus all dem lernen können.

  2. Samy schrieb am

    Unter den Verriss von Radbert einen Kommentar zu schreiben, ist leicht.
    Daniel, für deine und Sandras Mordsarbeit ein ganz liebes, dickes, fettes…. Dankeschön.
    Gelernt haben wir wohl alle viel, z.B.dass man viel früher „hätte beginnen sollen“ (ein Fehler, den wir immer wieder mit Begeisterung^^ machen;)
    Ich werde also weiter so oft wie möglich kleine Infostände machen, nicht abrupt – Wahl ist vorbei – verschwinden. Und UUs sammeln und vieles mehr.
    Eine Fehleranalyse ist wichtig, was ihr da gesammelt habt, ist nie zur Basis durchgedrungen!
    Mir fallen so viele Dinge ein, dass ich erstmal nach Wichtigkeit sortieren muss.
    Ich hoffe, dass wir schnell aufarbeiten können!
    Lieben Dank noch mal💜

  3. Ah, der Radbert, der in der Fussgängerzone früher Wähler beschimpft und versucht hat, sie mit Flyern zu schlagen ….

    Und ja, ich danke auch allen vielmals, vor allem dem effektiven 2012er-Presseteam der Fraktion. Damals wollten drei der frischgebackenen MdL sich um die Pressearbeit kümmern … Daniel Düngel, Kai Schmalenbach und Michele Marsching. Alles gut. Sie haben ja nix gemacht, bis auf Michele. Der hat über den Jahreswechsel zu 2013 angefangen, an meinem Stuhl zu sägen. Ach, nein? Na, dann fragt mal einige Wahlkämpfer in Niedersachsen.

    Aber trotzdem, danke. Und sorry, dass ich ein Gedächtnis habe ….

    • rwolupo schrieb am

      Nix gemacht? Der damalige Fraktionsvorstand hat entschieden, dass wir das nicht machen dürfen. Wir dürfen gern Ansprechpartner für die Pressestelle intern sein, durften aber nicht entscheiden.
      Den Mitarbeitern des Presseteams danke ich übrigens auch ganz ausdrücklich. Die haben einen guten Job ausgehend unserer Strategie gemacht. Wir als Fraktion haben es aber versäumt, die Strategie frühzeitig zu wechseln – das ist das Problem, welches zumindest ich aber vielfach in der Fraktion angesprochen habe.
      Warum da nun ad hominem Vorwürfe kommen, verstehe ich allerdings nicht.
      Beim Bedanken hätte ich übrigens auch noch weitere MdL oder auch Mitarbeiter erwähnen können. Ich wollte mich aber auf die beschränken, die für mich persönlich (nicht für die Fraktion, keine Bewertung der Arbeit oder sonstwas) am wichtigsten waren.

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